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Demerath

Kiefer-Bilderbogen


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So um die Mitte der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts kommt der blutjunge Lehrer Johann Kiefer in unser abgelegenes Eifeldorf, um der Jugend Lesen und Schreiben beizubringen. Im Winter, wohlgemerkt. Denn im Sommer müssen die Kinder auf den Feldern arbeiten. Der Lehrer auch. Denn die Entlohnung ist so karg, dass er sich ein Zubrot als Bauer verdienen muss. So nimmt er sich ein Demerather Mädchen zur Frau und wird hier sesshaft. Sein Ur-Ur-Enkel Arthur Kiefer bewirtschaftet heute einen der beiden letzten Höfe des Dorfes.
Auf Michael Kiefer, einen von Johanns Söhnen, geht der Hausnahme "Méschele" zurück. Hier posiert er mit seiner Familie im Sonntagsstaat. Auch wenn es nicht so aussieht: Die Verhältnisse sind ärmlich. Und die Zahl der Kinder ist wie damals üblich groß. Der zweite von rechts (stehend) ist Johann Kiefer II, der Enkel vom "Aale Kiefer".
Demerath um 1910. An der Struktur des Unterdorfs im Vordergrund hat sich bis heute auf den ersten Blick nicht allzu viel geändert. Neubauten finden sich hauptsächlich im Oberdorf, aus dieser Perspektive hinter der Kirche. Der Ursprung des Dorfes liegt aber wohl im Unterdorf, denn es ist gegen den kalten Wind geschützt, und überall am Hang sind Quellen.
Der Kaiser will unbedingt seine Ehre verteidigen, und Johann Junior muss im Alter von kaum 20 Jahren in den Krieg ziehen. Siegessicherer Patriotismus steht ihm nicht ins Gesicht geschrieben.
Aus der Heimat gibt es besorgte Grüße und bange Wünsche für einen glücklichen Ausgang des Krieges im Feindesland. Besonders die Mädchen haben Angst um ihren Schatz. Und alles geht gut; unverletzt kehrt er zurück.
1921 ist die Normalität wieder eingekehrt, und Hännesje heiratet sein Schtèintje (Christine).
Die junge Familie findet auch bald ein eigenes Haus. Es ist zwar nicht das größte und schönste im Dorf, aber immerhin sind die Mauern verputzt und das Dach mit Ziegeln gedeckt. Es ist auch ein reines Wohnhaus ohne direkt angebauten Stall, so dass nicht das ganze Haus vom Geruch des Viehs durchzogen ist.
Stall und Scheune liegen auf der anderen Seite der Straße. Das Bauwerk ist in einem unsäglich schlechten Zustand. Man kann es kaum glauben: Der Abriss im Jahr 1935 soll erhebliche Mühe gemacht haben.
Einige Nachbarhäuser.
Die Frauen lassen auf der Straße auch einmal den Eimer stehen und finden Zeit für einen kleinen Plausch.
Bettler wie der "Sèi-Hannes" sind gar nicht so ungern gesehen. Sie essen kaum schlechter als die Bauersleute selber und finden ein Nachtlager in der Scheune.
Das Wort "Ruhestand" ist noch unbekannt. Hier ist die Oma mit einer Rückentrage voll Brot auf dem Weg vom Backhaus nach Hause.
Die Butter wird noch aus Rahm selber hergestellt, durch oft ermüdend langes Stoßen im Butterfass. Ob heute noch ein Kind mit Rahm zum Naschen zu verführen wäre?

Im Hintergrund ist schon die neue Scheune zu sehen.
Hier stellen sich die Milchlieferanten vor, die auch noch hart als Zugtiere vor Wagen oder Pflug arbeiten müssen. Sie gehören zur Rasse der Glan-Rinder, die zwar nicht so viel Milch geben, aber robust und stark sind.
Hart ist die Arbeit natürlich auch für die Menschen, die dem kargen Boden den Lebensunterhalt abringen müssen. Wie hier bei der Kornernte müssen auch die Kinder immer mit anpacken.
Johann und Christine haben inzwischen vier Kinder. Er hat es auch zu einigem Ansehen im Dorf gebracht und ist seit etlichen Jahren Bürgermeister.
Ein Zeitdokument: Über dem Schild "Gemeindeverwaltung Demerath" weht am Haus des Bürgermeisters die Fahne des Nazi-Regimes. Johann wird zwar nicht Mitglied der Partei, hält sich aber auch aus den Auseinandersetzungen zwischen dem katholischen Pfarrer und der örtlichen NSDAP-Leitung heraus.
Dass sein Verhältnis zu den Machthabern nicht ungetrübt ist, zeigt sich auch daran, dass seine älteste Tochter Klara eine von nur zwei jungen Frauen aus dem Dorf ist, die zum Arbeitsdienst eingezogen werden (sitzend in der Mitte mit Stab).
Johann selber muss auch noch einmal die Uniform anziehen, obwohl er inzwischen fast 50 Jahre alt ist. Aber dass er wirklich in den Kampf ziehen muss, dazu kommt es nicht mehr. Und so kehrt er nach Hause zurück, um wieder einmal einen Neubeginn zu erleben.
Eine neue Zeit kündigt sich an: Tante und Onkel aus der fernen Stadt Frankfurt sind mit ihrem Auto zu Besuch gekommen.

Wer genau hinschaut sieht: das Schild des Bürgermeisters über der Haustür fehlt. Johann wurde von den Siegern seines Amtes enthoben.
Fast hundert Jahre, nachdem der Lehrer Kiefer nach Demerath kam, heiratet seine Urenkelin Maria 1949 Peter Michels aus dem Nachbarort Steiningen. 50 Jahre Frieden und Wohlstand liegen vor ihnen, auch wenn die Wunden, die der Krieg Peter geschlagen hat, das Leben der Familie prägen werden.