Völkerwanderung - unruhige Zeit! Seit Mitte des zweiten Jahrhunderts schon brodelt es im Osten, vorerst noch außerhalb der
römischen Reichsgrenzen im Gebiet zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Goten, Wandalen und Langobarden sind
unterwegs, zunächst eher gemächlich. Über 200 Jahre ziehen diese östlichen Wanderbewegungen sich hin. Ich stelle mir das
ähnlich vor, wie der allmähliche Zug der alamannischen Stämme von der Elbe an den Neckar. Dann kommen die Hunnen.
Ihr Eroberungszug aus dem Osten trifft um 350 auf die ostgermanischen Völker und ist der Auslöser für deren erstaunliche Züge
durch das Gebiet des römischen Reiches. Wiederum vergehen 200 Jahre, bis die Völkerwanderung um 550 mit dem Zug der
Langobarden nach Norditalien ein Ende nimmt. Ostrom hat mit knapper Not überlebt, das weströmische Reich ist
endgültig zerfallen. Soviel zum Hintergrund des hier zu beschreibenden Zeitabschnitts der Geschichte von Wimpfen.
Unser Land am mittleren Neckar blieb von den schwersten Stürmen dieser Zeit verschont. Vom Main bis zum Bodensee siedelten
alamannische Stämme zusammen mit verbliebenen Resten keltisch-römischer Bevölkerung unter der Führung alamannischer
Stammesführer. Wirklich stabile Verhältnisse, eine verlässliche Sesshaftigkeit und eine nennenswerte Bevölkerungsdichte
gab es um das Jahr 400 aber wohl noch nicht. Allmählich drangen alamannische Stämme am Rhein nach Norden vor. Ziel waren
womöglich die römischen Zentren Köln und Trier. Doch in diesem Bereich gerieten sie in Interessenkonflikt mit einem anderen
germanischen Stamm, den Franken.
Ähnlich wie "Alamannen" war auch "Franken" zunächst ein um 250 aufkommender Sammelbegriff für eine Gruppe germanischer Stämme
am mittleren und unteren Rhein, und zwar auf der "wilden" rechtsrheinischen Seite. Auch hier entwickelte sich das Plündern
römischen Gebietes zu einer gängigen Gepflogenheit. Aber man arrangierte sich bald. Franken traten in großem Stil in den Dienst
der römischen Legionen, ja, ganze Stämme wurden von den Römern vertraglich für Kriegszwecke als Föderaten verpflichtet.
Einige dieser Stämme siedelten sich mit Erlaubnis und Unterstützung Roms linksrheinisch auf dem Boden des Imperiums an. Die
Jahre zwischen 400 und 500 sahen dann den endgültigen Verfall der römischen Herrschaft in Mitteleuropa. Die fränkischen Stämme
hatten sich in einem Gebiet festgesetzt, das sich von Köln bis zur heute belgischen Küste erstreckte. Wie es aussieht hatte
sich auch eine stabile Herrschaftsschicht etabliert. Ich wage mal die Vermutung, dass dabei der militärische Aspekt
des Bündnisses mit den Römern eine große Rolle gespielt hat. Kommandierende Kriegsherren behielten wohl auch in Friedenszeiten
das Sagen. Fette Anteile an Kriegsbeute haben ihre Rolle anscheinend auch auf wirtschaftlichem Gebiet stabilisiert. So tritt
das Herrschergeschlecht der Merowinger in das dämmrige Licht der frühmittelalterlichen Geschichte.
Die um 500 am Rhein nach Norden drängenden Alamannen trafen so auf einen fast römisch organisierten Gegner. Während von
alamannischer Seite praktisch keine Führungspersönlichkeiten dieser Zeit bekannt sind, standen die Franken damals schon unter der
Herrschaft von Chlodwig (Clovis) aus dem Merowingergeschlecht. Die Legende berichtet, dass es 496 wohl bei Zülpich zu einer
Entscheidungsschlacht kam. Chlodwig soll gelobt haben, zum christlischen Glauben überzutreten, wenn er diese Schlacht gewinnen
sollte. Das hört sich nicht nach einer von vorne herein klaren fränkischen Übermacht an! Um so entscheidender war die
Niederlage der Alamannen. Bis 535 geriet das ganze alamannische Gebiet unter fränkische Herrschaft. Der alamannische Adel
scheint sich in der Folge zum allergrößten Teil an die Königshöfe anderer
Reiche der Völkerwanderungszeit, besonders zu den Ostgoten, geflüchtet zu haben. Womöglich wurden auch einige Adelsfamilien
von den Franken zwangs-umgesiedelt. Die alamannische Bevölkerung wich teilweise nach Süden aus und siedelten sich im Bereich der
heutigen Schweiz an. Alamannische Handwerkskunst kam in großen Bereichen der Stammlande zum erliegen.
In die nördlichen alamannischen Gebiete drangen nach und nach fränkische Siedler vor.
So geriet Wimpfen in die Übergangszone zwischen alemannischem und fränkischem Siedlungsraum. Man kann das an den Ortsnamen
ablesen. Alemannische Ortsnamen auf -ingen und -ach finden sich schwerpunktmäßig weiter südlich. In unserem
Raum dominieren schon stark die fränkischen Namen mit -heim, -berg, -bach, -feld usw. Auch Untersuchungen zum
gesprochenen Dialekt zeigen im Norden des Kreises Heilbronn einen stärker fränkischen Einfluss, im Süden einen alemannischen.
Typisch für die Franken war es auch, überall im beherrschten Gebiet Pfalzen aufzubauen. Dabei
handelte es sich um ein Mischung aus landwirtschaftlichem Großbetrieb, Handelsplatz, Verwaltungssitz und Festung. Die Pfalzen
dienten den ständig umherziehenden Königen als Stützpunkte. Eine Reihe solcher Pfalzen sind im Großraum Heilbronn nachgewiesen.
Für Wimpfen wird eine Pfalz aus der Merowingerzeit allerdings nur vermutet. Es ist wohl naheliegend, dass die später so
bedeutende Kaiserpfalz Wimpfen am Berg nicht ohne eine leistungsfähige Infrastruktur in unmittelbarer Umgebung aus dem Boden
gestampft werden konnte.
Nach langem Schweigen in unruhiger Zeit setzen zwischen 700 und 800 verlässliche schriftliche Quellen wieder ein (z.B. 767 Gundelsheim,
Offenau, Griesheim, Eisesheim). Sie berichten meist
über Regelungen von Besitzverhältnissen, die Zuerkennung von Rechten, Schenkungen usw. Wimpfen findet
erstmals wieder 830 Erwähnung. Allerdings nimmt die damalige Urkunde bereits Bezug auf hundert oder gar zweihundert Jahre
ältere Verträge aus der Zeit der merowingischen Frankenkönige.
830 lag der mühsame Weg der Einigung des Reiches und die glorreiche Zeit
Karls des Großen schon hinter den Franken. Die Karolinger hatten die Merowinger als herrschende Dynastie abgelöst. Das
Christentum hatte sich durchgesetzt. Ludwig der
Fromme war Kaiser des großen mitteleuropäischen Reiches, in dem sich aber schon Zeichen der Auflösung zeigten. Gerade hatte er zum Ärger seiner anderen
Söhne seinen Jüngsten, Karl den Kahlen, als Herzog von Schwaben (dux Alemanniae) eingesetzt. Karl wurde später König des
westfränkischen Reiches (Neustrien). Der östliche Teil (Austrien) ging an seinen Stiefbruder Ludwig den Deutschen. Die Macht
der fränkischen Könige nahm in der Folgezeit immer mehr ab; die Herzöge der großen Stammesgebiete wurden immer mächtiger.
Der letzte König in fränkischer Tradition, Konrad I., wurde 911 bereits von den Fürsten gewählt. Mit seinem Tod 918
- standesgemäß nach schwerer Verletzung im Krieg - endete die große Zeit der Franken.