Imagines plantarum

Pflanzen fotografieren




Na, ist das keine weit gefasste Überschrift, die allerhand erwarten lässt? Um nicht hochzustapeln schiebe ich hier gleich die bescheidenere Langform nach: "Meine Erfahrungen beim Fotografieren von Pflanzen mit meiner Digitalkamera."

Sony DSC-S70 Doch zuerst ein paar Bemerkungen zur "klassischen" Pflanzen-, insbesondere Makro- Fotografie. Zu meiner früheren Spiegelreflex-Ausrüstung, gekauft vor 25 Jahren, gehörte ein Zoom-Makroobjektiv, ein Satz Zwischenringe und ein Balgengerät (!). Irgendwo müssen noch viele Pflanzen-Dias aus dieser Zeit schlummern. Bei Gelegenheit grabe ich sie sicher mal wieder aus. Das Hauptproblem damals war: zu wenig Licht. Brauchbare Makroaufnahmen gelangen nur in prallem Sonnenschein. Ansonsten war es immer die selbe Schere: entweder verwackelt wegen zu langer Belichtungszeit oder Null Schärfentiefe wegen zu weit geöffneter Blende. Irgendwann traten dann andere Themen in den Mittelpunkt meines Interesses, und das Thema "Pflanzenbilder" ruhte. Ruhte bis zum Jahr 2000, wo ich dann begann, Pflanzen von der Wiese hinter unserem Haus einzuscannen.

Nachdem ich so zum Thema Botanik wieder Feuer gefangen hatte, kam dann 2001 eine Digitalkamera ins Haus, und zwar das Modell DSC-S70 von Sony mit drei Megapixeln Auflösung. Schon nach den ersten Versuchen war die Begeisterung groß, und sie hält bis heute an, wenn auch mit einigen kleinen Wermutstropfen.

Vorteile dieses Modells:
  • Gutes Objektiv (Konstruktion von Zeiss). 3fach-Zoom
  • Robuste Konstruktion. Die Kamera hat es im zarten Alter von nicht mal zwei Wochen überstanden, als sie mir aus der Hand auf den gepflasterten Hof flog, weil sich eine von mir selbst geknüpfte Trageschlaufe löste. Außer einem kleine Kratzer am Gehäuse war nichts; so eine Erleichterung!
  • Zuverlässig; inzwischen über 7000 Bilder ohne Probleme.
  • Gutes LCD-Display; allerdings im Sonnenschein kaum eine Hilfe (wie alle anderen Diplays auch, die ich bisher gesehen habe).
  • Guter Akku mit genauer Restlaufzeitanzeige.
  • Gute Makrofunktion mit einem nominellen Mindestabstand von 4cm; dazu noch eine Anmerkung weiter unten.
  • Sucher ganz links. Für Leute, die mit dem rechten Auge durch den Sucher schauen, ist das ideal, da die Nase dann neben der Kamera Platz findet. Bei vielen Digitalkameras macht man mit der Nase Fettflecken auf das LCD-Display.

Nachteile:
  • Schlecht funktionierende Autofokus-Funktion im Makrobereich. Die manuelle Entfernungseinstellung kann man vergessen, da der kürzeste einstellbare Wert 50cm ist. Im normalen Autofokus-Modus stellt die Kamera ab ca. 50cm bis unendlich scharf, im Makro-Modus von 4cm auch bis unendlich! unscharf (Ich habe schon oft vergessen, den Makro-Modus auszuschalten, und trotzdem gab es keine störende Unschärfe bei normalen Motiven.) So weit, so gut. Was aber nervt, ist das sture Beharren der Kamera, immer den Hintergrund scharf einzustellen. Nur bei dunklem, kontrastarmem Hintergrund und hellem, kontrastreichem Motiv geruht dieser Autofokus-Algorithmus, richtig zu funktionieren. Anfangs brachte ich hauptsächlich Makrofotos nach Hause, bei denen das anvisierte Blümchen nur als verschwommener Schemen vor knackig scharfem Hintergrund zu sehen war. Da ich erstens ein sparsamer Mensch bin und zweitens sowas irgendwie persönlich nehme, habe ich die Kamera allerdings immer noch. Irgendwie gelingt es meistens doch, diese Missgeburt von Kamera-Firmware auszutricksen. Das geht dann so: Motiv anvisieren - es bleibt im Display unscharf. Dann irgendwas zwischen Motiv und Objektiv schieben, was das ganze Bild ausfüllt. (Lange Zeit hat mir ein grün-weißes Baumetikett aus Plastik mit aufgedrucktem Barcode da gute Dienste geleistet, aber irgendwo am Waldhang habe ich es verloren.) Zur Not tut es auch die Hand. Nach ein paar Sekunden geruht die Kamera dann, auf dieses nahe "Ersatzmotiv" scharf zu stellen. Das wird jetzt weggezogen, das Motiv kommt wieder ins Bild, der Fokus fährt nach hinten und bleibt mit etwas Glück am Motiv hängen. Übrigen hilft es auch nicht, wenn die Belichtungsmessung auf "Spot" gestellt wird. Fazit: Makro-Fotografie mit der Sony DSC-S70 ist ein Geduldsspiel! Bei neuere Sony-Kameras scheint es da Fortschritte zu geben: Die DSC-P71 meiner Frau aus der "Draufhalten-und-Abdrücken"-Serie bringt ohne viel Trara schöne Blumenbilder zustande. Schwierigere Motive aus der Makrofotografie haben wir damit noch nicht ausprobiert.

  • Kein schwenkbares Display. Damit wird manche ungewöhnliche Perspektive, z.B. von unten in hängende Blütchen, sehr erschwert.

  • Sony-eigenes Speichermedium Memory-Stick; sie sind immer etwas teuerer als andere Formate und hinken mit der Speicherkapazität immer hinterher. Wenn man nicht gerade so ein rasender Fotograf mit mehreren hundert Bildern pro Tag ist, spielt das meiner Meinung nach aber kaum eine Rolle.

  • Tendenz zu übertriebener Farbsättigung. Besonders reines Rot und helles Grasgrün werden leicht übertrieben "strahlend" dargestellt. Wenn man es weiss, kann man bei entsprechenden Motiven mit einer Belichtungskorrektur von -0,7 oder so Abhilfe schaffen. Im allgemeinen machen die Bilder aber einen ansprechenden Eindruck, obwohl (oder weil?) die Farben nicht 100% naturgetreu sind. Aber gibt es überhaupt eine "richtige" Farbwiedergabe? Voraussetzung wäre wohl zu allererst einmal eine "genormte" Beleuchtung des Objektes.

Nun noch ein paar allgemeine Punkte:

  • Das Thema Licht spielt keine derart gravierende Rolle mehr; auch bei trübem Wetter oder sogar im schattigen Wald gelingen manchmal brauchbare Makroaufnahmen. Die Schärfentiefe ist bedeutend größer als bei Kleinbildaufnahmen. Das läge an der kleinen Fläche des Chips, habe ich gelesen. Reicht das Licht mal nicht, ist der kleine eingebaute Blitz für Pflanzenaufnahmen fast immer ausreichend. Bei extremen Nahaufnahmen schießt er allerdings am Motiv vorbei. In solchen Fällen bediene ich mich gelegentlich einer kleinen, batteriebetriebenen Leuchtstoffröhren- Taschenlampe (Osram Pocket 2000). Die sollte das vorhandene Rest-Tageslicht aber deutlich überstrahlen, sonst kommt es zu unschönen Mischlicht-Effekten. Übrigens gilt auch heute noch die alte Fotografierregel, dass strahlender Sonnenschein nicht unbedingt ideal ist, da sehr starke, störende Kontraste auftreten können. (Siehe dazu auch das Bild oben, mit den starken Schatten auf dem Boden.)

  • Das Licht spielt noch eine ganz andere Rolle: Viele Pflanzen öffnen ihre Blüten in Abhängigkeit von der Tageszeit, z.B. eine ganze Reihe aus der Korbblütler-Familie. Damit habe ich so meine Probleme, denn meine botanischen Spaziergänge starten normalerweise Sonntag morgens um acht und enden spätestens um elf. Bei trübem Wetter sind dann z.B. Habichtskräuter noch im Schlafzustand.

  • Der Wind ist das größte Problem beim Fotografieren von Pflanzen. Das sowieso schon heikle Fokussieren wird zum Glücksspiel, wenn das Motiv einfach mit dem Hinundherwedeln nicht aufhören will. Geduld beim Lauern auf eine kleine Blasepause ist angesagt.

  • Die Handhabung ist im Digitalzeitalter einfacher geworden. Man kann die Kamera auch mal am ausgestreckten Arm halten, besonders wenn man ein Modell mit schwenkbarem Display hat. Zu Spiegelreflex-Zeiten musste die Kamera und das Auge des Fotografen an das Objekt heran, was oft einiges an Verrenkungen erforderte. Außerdem lief wegen der voluminösen Ausrüstung ohne Umhänge-Fototasche früher nichts, wenn man Blümchen fotografieren wollte. Meine jetzt schon wieder "gute alte" DSC-S70 ist auch kein Winzling, aber man kann sie noch in einer Gürteltasche tragen. Und so bin ich auch meistens unterwegs, ohne weitere Fotoausrüstung. Ich möchte nämlich ganz altmodisch spazieren gehen. Was die Handhabung beim Fotografieren von Pflanzen sicher noch deutlich verbessert, ist ein schwenkbares Display, wie es einige Kameras haben.

  • Die Ausbeute ist besser als bei Fotos auf Film, da man sich vor Ort einen Eindruck davon verschaffen kann, ob die Aufnahme gelungen ist. Dazu ist eine gute Zoom-Funktion im Wiedergabebetrieb unerlässlich, denn die Schärfe eines kompletten Bildes lässt sich mit dem Display nicht beurteilen. Da die Bilder "nichts kosten", kann ich nur empfehlen, von jedem Motiv mehrere Aufnahmen zu machen, und zwar immer aus einer veränderten Perspektive.

  • Noch eine Bemerkung zur Makro-Funktion: Bei den Kameradaten wird immer der Mindestabstand angegeben. Meiner Meinung nach sagt das noch nicht allzu viel über den erreichbaren Abbildungsmaßstab. Mkro Bei meiner Sony DSC-S70 ist es z.B. so, dass der größte Abbildungsmaßstab bei mittlerer Zoom-Einstellung erreicht wird. Weiter zur Weitwinkel-Seite kann man näher ran, aber durch den Weitwinkel-Effekt wird der Maßstab kleiner. Zur Tele-Seite hin wächst der erforderliche Mindestabstand sehr schnell bis auf 20cm, und der Maßstab wird drastisch kleiner. (Bild von links nach rechts: Weitwinkel - Mitte - Tele, 1:10 verkleinert). Außerdem: Versuchen Sie mal mit 2cm Abstand zu fotografieren und keinen Schatten in das Bild zu werfen. Die Beleuchtung wird da ein echtes Problem.


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